Über 100% Short Interest – geht das?

Leerverkäufe ermöglichen es Anlegern von fallenden Aktiekursen zu profitieren. Es gibt Firmen, deren einziger Zweck es ist, sich verschlechternde Unternehmen zu suchen, die erstklassige Leerverkaufskandidaten sind. Diese Firmen durchforsten die Finanzberichte nach Schwachstellen, die der Markt noch nicht erkannt hat oder nach Unternehmen, die einfach überbewertet sind. Ein Faktor, auf den sie achten, ist das sogenannte “Short Interest”, das als Indikator für die Marktstimmung dient.

Die Kunst des Leerverkaufs

Grundsätzlich sind Leerverkäufe das Gegenteil von Aktienkäufen. Dabei wird ein Wertpapier verkauft, das der Anleger überhaupt nicht besitzt. Deshalb leiht sich der Anleger von seinem Broker das jeweilige Wertpapier um es zu einem niedrigeren Preis am Markt zu kaufen und seinem Broker zurückzugeben. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das Vorgehen:

 

Als Beispiel soll die Aktie ABC leerverkauft werden. Der Aktienkurs beträgt aktuell 40$. Ein Anleger schätzt den fairen Wert der Aktie auf 20$ und beschließt deshalb, die Aktie ABC leerzuverkaufen. Er kontaktiert seinen Broker um 100 Aktien leerzuverkaufen. Sein Broker wiederum wendet sich an einen weiteren Anleger, der die Aktien ABC gerne verleiht.

Insgesamt beschließt der Anleger sich 100 Aktien zu leihen, welche er direkt am Markt verkauft und somit 4000$ erhält.

Der Anleger hatte Recht und die Aktie fällt nach einiger Zeit auf 20$. Der Anleger kauft zu deisem Preis 100 Stück der Aktie zum aktuellen Marktpreis und zahlt dafür 2000$.

Die 100 erworbenen Aktien gibt er nun seinem Broker zurück und macht somit einen Gewinn von insgesamt 2000$.

Short Interest

Das Short Interest ist die Gesamtzahl der Aktien einer bestimmten Aktie, die von Anlegern leerverkauft, aber noch nicht gedeckt oder glattgestellt wurden. Dies kann als Zahl oder als Prozentsatz ausgedrückt werden.

Als Prozentsatz ausgedrückt ist das Short Interest die Anzahl der leerverkauften Aktien geteilt durch die Anzahl der zum Handel verfügbaren Aktien. Zum Beispiel hat eine Aktie mit 1 Millionen leerverkauften Aktien und 10 Millionen ausstehenden Aktien einen Short-Anteil von 10 % (1 Millionen/10 Millionen = 15 %).

Die meisten Börsen messen das Leerverkaufsinteresse jeder Aktie und veröffentlichen am Monatsende Berichte, wobei die Nasdaq zweimal im Monat über das Short Interest berichtet. Diese Berichte dienen als allgemeines Sentiment darüber, welche Aktien für zu hoch bewertet gelten.

 

Short Squeeze

Erst kürzlich hatte die Aktie GameStop auf sich Aufmerksam gemacht, als eine Armee von Reddit-Tradern den Aktienpreis künstlich in die Höhe gehandelt haben. Dieser kometenhafte Anstieg wurde jedoch nicht nur durch ein paar Reddit-Trader verursacht, sondern wohl vor allem durch einen sogennanten Short Squeeze. 

Aus den von der Nasdaq veröffentlichten Berichten über das Short Interest konnte entnomen werden, dass diese Aktie zu den am meisten leerverkauften Aktien gehört. Wie oben erläutert kann ein Leerverkauf nur geschlossen werden in dem die leerverkaufte Aktie am Markt zurückgekauft und anschließend zurückgegeben wird. Als der Kurs von GameStop nun doch die hohe Nachfrage immer weitergestiegen ist, mussten institutionelle ihre Leerverkäufe schließen indem sie ebenfalls am Markt Aktien gekauft. Diese Phänomen, wenn Leerverkäufer aus ihren Positionen “gedrängt” werden, nennt man einen Short Squeze.

Das besondere an GameStop war unter anderem, dass das Short Interest über 100% betrug. Das heißt, dass mehr Aktien leerverkauft wurden als überhaupt exisitierten. Doch wie geht das?

Über 100% Short Interest?

Ja, das ist möglich und theoretisch betrachtet gibt es nach oben auch keine Grenze. Am besten lässt sich dies wieder an einem Beispiel erläutern.

Es wird nochmals die Aktie ABC als Beispiel herangezogen. Der Aktienkurs beträgt wieder 40$ und insgesamt wurden 100 Aktien ausgegeben. Ein Hedgefonds erachtet diesen Kurs als viel zu hoch und verkuaft insgesamt 40 Aktien leer. Er leiht sich somit 40 Aktien und verkauft sie direkt am Markt.

Short Interest: 40% (40/100)

In der darauffolgenden Handelswoche ist der Kurs von ABC gefallen und beträgt nun 30$. Der Hedgefonds befindet sich mit seiner aktuellen Position also momentam im Gewinn, jedoch empfindet er diesen Kurs als immer noch deutlich zu hoch und beschließt nochmals 40 Aktien leerzuverkaufen.

Short Interest: 80% (80/100)

In der darauffolgenden Woche passiert nun das, was der Hedgefonds nicht erwartet hätte. Der Aktienpreis von ABC springt auf 45$. Das ist laut den Analysten natürlich nur temporär und somit wird beschlossen nochmals 40 Aktien leerzuverkaufen.

Short Interst: 120% (120/100)

Der Aktienkurs fällt nun wieder auf 25$. Zu diesem Preis beschließt der Hedgefonds seinen ersten Leerverkauf zu schließen. Er kauft somit 40 Aktien am Markt und gibt diese zurück.Der Gewinn des Hedgefonds beträgt 600$ (40 x 40$ – 40 x 25$).

Short Interest: 80% (80/100)

Der Aktienkurs von ABC kollabiert nun wie vorhergesagt und fällt auf mickrige 6$. Zu diesem Preis beschließt der Hedgefonds seine gesamte Position glattzustellen. Er macht somit einen erneuten Gewinn von 2520$.

Fazit

Aus dem Beispiel wurde hoffentlich ersichtlich, dass durch das ständige Leihen und Verleihen von Aktien am Markt ein Short Interest von über 100% entstehen kann. Das klingt erstmal verrückt, ist allerdings an den Finanzmärkten nichts besonderes. Vielleicht erinnerst Du dich noch an die Kursexplosion bei VW im Jahr 2008?

Viele Grüße

Felix von Portfolio-Architekt

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Fred

    Ja, das ist halt krass, dass jemand, der seine Aktie bereits verliehen hat, sie noch einmal verleihen darf (bei >100% muss das ja jemand gemacht haben). Denn faktisch ist sie im Besitz eines Dritten…

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